Rissbreitenbeschränkung

Auszug aus Handbuch Sichtbeton

6 Risse im Sichtbeton

Ein Beispiel, das in der Presse ein großes Echo fand, ist das Berliner Holocaust-Mahnmal des New Yorker Architekten Peter Eisenman.
In > 2000 der 2711 Betonstelen haben sich Risse gebildet.
Risse in den Betonstelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin
Bild 6.1: Risse in den Betonstelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin
Auszug aus der Zeitschrift CICERO: „Es ist offensichtlich ein Restrisiko in Kauf genommen worden.”

Auszug aus einem anderen Zeitungsartikel zum Thema Betonstelen, Architekt Eisenman:

„Was ist so schlimm an den Rissen? Als wir mit den Planungen anfingen, wussten wir das. Die Stiftung wusste es, der Bundestag wusste es, die Experten, die den Beton entwickelt haben. … Letztlich sind der Architekt und der Bauherr verantwortlich.“

6.1 Rissbreitenbeschränkung

Die Stahlbetonbauweise gilt als „gerissene“ Bauweise, d. h. der Stahl im Beton wird erst zum Tragen herangezogen, wenn der Beton gewisse Dehnungen erfahren hat. Risse können trotz fachgerechter Planung und Ausführung nicht absolut verhindert werden, d. h. man kann nur die Rissbreite beschränken. Beim Sichtbeton können „Risse“ die Optik („Geltungsfunktion“), aber auch die Gebrauchstauglichkeit (u. a. Dauerhaftigkeit) beeinträchtigen.

„Risse“ sind von einem „sachkundigen Planer“ [2.3], z. B. einem öbuv Sachverständigen für Beton, zu beschreiben und zu bewerten.

Die Anforderungen an die Dauerhaftigkeit des Sichtbetons sind u. a. erfüllt, wenn die Anforderungen nach DIN gemäß nachfolgenden Tabellen eingehalten sind.

DIN 1045-1: 2008-08

Tabelle 6.1: Rechenwerte der Rissbreite (Auszug aus Tabelle 18 + 19, DIN 1045-1: 2008-08)

Tab.19: Umgebungsklasse für

Bewehrungskorrosion

Anforderungsklasse

Stahlbetonbauteile

Tab.18: Rechenwert der Rissbreite

wk [mm]

XC1 (Innenbauteil)

F = quasi-ständig

0,4

XC2, XC3, XC4

E = quasi-ständig

0,3

XD1, XD2, XD3, XS1, XS2, XS3

E= quasi-ständig

0,3

Die DIN 1045-1 [1.4.1] Abs. 11.2.1 (6) weist jedoch auch auf folgendes hin:
„Für Bauteile mit besonderen Anforderungen können strengere Begrenzungen der Rissbreite erforderlich sein. Diese sind jedoch nicht Gegenstand dieser Norm.“

Dies trifft sinngemäß nicht nur für eine „Weiße Wanne“ aus WU-Beton, sondern auch insbesondere für Sichtbeton zu.

DIN EN 1992-1-1: 2011-01

Abs. 7.3 Begrenzung der Rissbreiten. Allgemeines
(1) Die Rissbreite ist so zu begrenzen, dass die ordnungsgemäße Nutzung des Tragwerks, sein Erscheinungsbild und die Dauerhaftigkeit nicht beeinträchtigt werden.

Das heisst, nicht nur bei der „Weißen Wanne“ aus WU-Beton, sondern auch beim Sichtbeton ist der Nachweis zur Begrenzung der Rissbreite erforderlich.

Tabelle 6.2: Rechenwerte der Rissbreite (Auszug aus Tabelle 7.1N, DIN EN 1992-1-1:2011-01)

Expositionsklasse

Stahlbetonbauteile bzw.

Spannbetonbauteile mit Spanngliedern

ohne Verbund

Spannbetonbauteile mit Spanngliedern

im Verbund

Quasi ständige Einwirkungskombination

Häufige Einwirkungskombination

X0, XC1

0,4 1)

0,2

XC2, XC3, XC4

0,3

0,2 2)

XD1, XD2, XD3

XS1, XS2, XS3,

Dekompression

1) Bei den Expositionsklassen X0 und XC1 hat die Rissbreite keinen Einfluss auf die Dauerhaftigkeit und dieser Grenzwert wird zur allgemeinen Wahrung eines akzeptablen Erscheinungsbild festgelegt. Fehlen entsprechende Anforderungen an das Erscheinungsbild, darf dieser Grenzwert erhöht werden.

2) Bei diesen Expositionsklassen ist in der Regel zusätzlich die Dekompression unter quasi-ständiger Einwirkungskombination zu prüfen.

Wasserführende Risse an auskragender Sichtbeton-Decke
Bild 6.2: Wasserführende Risse an auskragender Sichtbeton-Decke
Empfehlung:
Strengere Begrenzungen der Rissbreite können sich z. B. aus besonderen Anforderungen an das Erscheinungsbild eines Sichtbeton-Bauteils ergeben. Dies muss jedoch gesondert vereinbart werden!